Rezension von Dr. phil. Erich Seitz:, Marburg   www.buchhandel.de  Der Wu Wei Verlag hat mit Klaus Widdras "Xenophon Reitkunst" ein ganz ungewöhnliches Buch  herausgegeben, das jeden Rezensenten vor eine unlösbare Aufgabe stellt - er müßte ein zweiter Widdra sein.  Xenophon, ein begabter und vielseitiger Schriftsteller, hat vor über zweitausend Jahren neben vielem anderen  auch ein Buch über die Reitkunst geschrieben ( "peri hippikes"(scil. technes), das das Wissen seiner Zeit über  dieses Thema und die eigene lebenslange Erfahrung im Umgang mit Pferden ( als militärischer Reiterführer  und begeisterter Pferdezüchter und -liebhaber) widerspiegelt. Jeder, der heute der Überzeugung ist, dieses alte  Werk eines griechischen Autors enthalte in erstaunlicher Weise so viel Richtiges und Bedenkenswertes zum  Thema Ross und Reiter, dass es auch dem modernen Interessenten zugänglich gemacht werden müsste, steht  vor der eigentlich unlösbaren Forderung, sowohl hochkarätiger Philologe als auch hochkarätiger  Sachverständiger in allen hippologischen Fragen zu sein - die Dekodierung des griechischen Textes setzt ja,  anders als z.B. bei einem platonischen Dialog, nicht nur hohe fremdsprachliche und linguistische Kompetenz in  umfassender Hinsicht voraus, sondern auch die genaueste Sachkenntnis des behandelten Themas, anders ist der  Text überhaupt nicht zu verstehen, erst recht nicht sachrichtig in der deutschen Sprache wiederzugeben, gar  einen Kommentar zu schreiben wäre völlig absurd und unmöglich. Um es vorweg auf eine Formel zu bringen -  die Veröffentlichung dieses Buches ist ein Glücksfall, eine literarische "Sternstunde", Sternstunde als einmalige  Konstellation (im eigtl. etymol. Sinn), dass hier nach über zweitausend Jahren in dem Verfasser höchste  philologische Kompetenz und höchste "hippologische" Sachkenntnis zusammengefallen sind, und nur so diese  Ausgabe möglich geworden ist. "Xenophon Reitkunst" ist ein prachtvolles Buch, schon äußerlich: der  ästhetisch hübsche Umschlag (vorne und hinten),der edle rote Leineneinband mit der schönen Silberschrift, die  liebevolle Gestaltung der Einzelblätter (da sind begabte Designer am Werk gewesen), die von der ersten bis zur  letzten Seite durchdachte Gliederung (von der ausführlichen, niveauvollen Einführung unter verschiedenen  Gesichtspunkten bis zum hilfreichen Register). Was Widdra vorlegt ( überraschend für diese Reihe), ist die  vollständige Ausgabe eines griechischen antiken Textes von höchster wissenschaftlicher Qualität: es ist alles  da, von der Überlieferungsdiskussion (auch Vorgänger und Nebenüberlieferungen sind ausführlich behandelt)  bis zum Faksimilebeispiel der Handschriften, auch der textkritische Apparat fehlt nicht ( wie eine  wissenschaftliche Oxford- oder Teubner-Ausgabe). Dann die glänzende Übersetzung. Verblüffend, wie dem  Verfasser eine hervorragende, sehr gut lesbare, moderne Wiedergabe im Deutschen ganz nahe am Urtext  gelingt, auch mit der sachgemäßen "hippologischen" Terminologie ( das nehme ich an). Man könnte in jedem  Satz auffallende Beispiele auf der semantischen Ebene nennen; für die gelungene Wiedergabe einer  griechischen Periode ist schon der erste Satz ein sehr schönes Beispiel. Über den Kommentar, der sicher für  Fachleute der wichtigste Teil ist, kann ich nur sagen, dass ich ihn mit Bewunderung und Vergnügen gelesen  und dabei viel gelernt habe. Instruktives Bildmaterial fehlt nicht , auch nicht das komplette Literaturverzeichnis  ( allein die Übersetzungen von 1502 bis 2002 !). Die von Widdra einprägsam formulierten  Ausbildungsgrundsätze auch als hübsches Lesezeichen sind gewissermaßen das i-Tüpfelchen. Alles in Allem-  ein philologisches Meisterwerk, zu dem ich zuerst den Verfasser, aber auch den Verlag beglückwünsche. Das  Buch wird sicher in keinem Seminar der Klassischen Philologie fehlen aber sicher auch nicht in den  Bibliotheken aller Personen und Einrichtungen, die mit Pferden und Reitsport zu tun haben, vermutlich - das  müsste allerdings ein "hippologischer" Rezensent beurteilen. 
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