Projiziert auf die Gliederung des Platonischen Staats, wäre hier nach dem (von Xenophon nicht erwähnten)  Arbeitspferd (Nährstand) und Militärpferd (Wehrstand) die Ideenlehre der Philosophen (Lehrstand) erreicht.  "Will jemand sein Pferd einmal so reiten, dass es prächtiger wirkt und von allen Seiten stärker bewundert  wird, muss man davon Abstand nehmen, das Pferd mit dem Zügel im Maul zu reißen und es mit Sporen und  Gerte zu bearbeiten, wie es die große Masse in der Meinung tut, so dem Pferde ein prächtiges Aussehen zu  geben. Diese Leute bewirken nämlich genau das Gegenteil von dem, was sie wollen. Durch das Spornieren  und Schlagen erschrecken sie die Pferde. Wenn man aber sein Pferd lehrt, am langen Zügel zu gehen, den  Hals hoch zu tragen und vom Kopf an zu wölben, so bewirkt man, dass das Pferd das tut, woran es auch  selbst seine Freude hat und womit es sich brüstet. Wenn es nämlich selber bei Pferden, hauptsächlich aber  bei Stuten, Figur machen will, dann erhebt es den Nacken und biegt den Kopf voll prächtiger Wildheit  besonders heran, wirft die Schenkel geschmeidig in die Höhe und trägt den Schweif hoch. Wenn man nun  das Pferd in die Haltung bringt, in die es sich zur Selbstdarstellung wirft, wenn es sich am meisten in seiner  Schönheit zeigen will, so wird man sein Pferd als eines vorführen, das am Reiten Freude hat, prächtig und  gewaltig aussieht und die Blicke auf sich zieht."  Klaus Widdra, der kenntnisreiche Übersetzer und Herausgeber der Schrift, fasst die Pferdebildung des  Xenophon in einigen Maximen zusammen: "Dein Pferd sei ein zuverlässiger Freund, nicht Sklave. Widme  seiner Ausbildung so viel Aufmerksamkeit, als ginge es um deinen eigenen Sohn. Achte darauf, dass Körper  und Seele deines Pferdes sorgfältig geschult werden. Es soll sich durch Leistungsvermögen und  Zuverlässigkeit auszeichnen. Seine charakterliche Prägung sei dir besonders wichtig. Mache dein Pferd  menschenfreundlich. Sei achtsam und nimm auf seine Bedürfnisse Rücksicht. Setze alles daran, dich  deinem Pferd verständlich mitzuteilen. Arbeite an deiner eigenen körperlichen und charakterlichen  Schulung. Erziehe dich dazu, in jedem Falle Ruhe zu bewahren, gib Zornausbrüchen keinen Raum. Mach  dir klar, dass die Lektionen der höheren Dressur keine Kunststücke sind, die du deinem Pferd mit Hilfe  unnatürlicher Zwangsmittel beibringen kannst. Sie sind Formen der imponierenden Selbstdarstellung des  Pferdes, die es in besonderen Erregungszuständen vor seinen Artgenossen von sich aus zeigt!" Etwas  Besseres zum Thema gibt es wohl auch heute nicht, und vieles lässt sich unmittelbar auf die Ausbildung in  Schule und Universität übertragen.  Prof. Dr. Reinhard Brandt Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2007, Nr. 216 / Seite 37
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