Rezensionen
FAZ Sachbuch
So macht das Fohlen unterm Reiter ein geschmeidiges Bein
Charakterbildung für Mensch und Tier: Klaus Widdra, ein gelehrter Autor
mit lebenslanger Erfahrung im Sattel, stellt Xenophons Schrift über die Reitkunst vor
17. September 2007
Heute würde man ihn einen Erfolgsschriftsteller nennen: Xenophon, den griechischen Verfasser
historischer und politischer Schriften, Zeitgenosse des Sokrates. Xenophon kannten die Athener,
Spartaner oder Korinther als versierten Autor, er hatte eine Erziehungsschrift in Form einer Unterweisung
des Perserkönigs Kyros verfasst, größten Erfolg erlangten seine Anekdoten und Geschichten über
Sokrates, den er wohl kurz vor dessen Tod kennenlernte; sodann die spannende "Anabasis", in der er den
Kriegszug des Satrapen Kyros von Kleinasien gegen dessen Bruder, den König Artaxerxes im
Zweistromland, aus eigener Anschauung schildert; Kyros unterlag, und Xenophon führte die griechischen
Söldner durch das feindliche Gebiet hinauf zum Schwarzen Meer und von dort fast bis nach Griechenland
zurück.
Xenophon nahm an dem Kriegszug als begüterter Mann mit eigenen Pferden, Reitknechten und Dienern
teil; dabei lernte er den Umgang der Perser mit ihren Pferden kennen und schätzen. Das Verhältnis des
Persers zu seinem Pferd war noch individueller als bei den Griechen, und diese ausgeprägte Freundschaft
von Mensch und Tier, die "philanthropia" des Pferdes und die genaue Kenntnis seines Körpers und der
Psyche dieses Tieres stellt er in den Vordergrund in seiner Spätschrift "Peri hippikes", "Von der
Reitkunst".
Diese praktische Schrift widmet sich der Bildung von Pferd und Reiter mit dem Ziel des Militärdienstes.
Auf welche Qualitäten des Pferdes ist beim Kauf eines Fohlens zu achten, und auf welche körperliche
und charakterliche Schulung lässt sich der gute Reiter ein? Das Fohlen muss über bestimmte äußere
Merkmale verfügen, die Xenophon detailliert aufführt und funktional begründet; es wird im Alter von
zwei Jahren an einen besonderen Fohlen-Ausbilder gegeben, so wie auch die reicheren griechischen
Frauen ihre Kleinkinder einer Amme gaben. Wenn es mit ungefähr drei bis vier Jahren zurückkommt,
beginnt das tägliche Training für Pferd und Reiter. Beide müssen lernen, sich gemeinsam in schwierigem
Gelände zu bewegen, der Reiter muss die Rechte frei für den Speerwurf behalten, beide müssen einander
völlig trauen können - ein Fehler kann einen von ihnen oder beide das Leben kosten.
Der griechische Reiter wird nie in einen engen Verband der Kavallerie gestellt, in dem er nicht mehr
individuell entscheidet, sondern der Bewegung der Kolonne unterliegt. In den Jagd- und Militärlektionen
von Pferd und Reiter lernen wir das Können für den Alltag kennen; aber dann folgt gewissermaßen als
Zugabe die eigentliche Kunst der Reitkunst, wenn das Pferd "in der Höhe schwebt" und die Piaffe und die
Pesade und die Courbette beherrschen lernt, die noch heute schwersten Übungen.