Xenophons Bedeutung Worin lag Xenophons Bedeutung für die großen Reitmeister und Reitschulen von der Renaissance bis zum  20. Jahrhundert? Was macht Xenophons „Reitkunst” zu dieser für uns heute noch so bedeutenden Quelle?  Xenophon verfügt über eine lebenslange, sehr intensive Erfahrung mit Pferden und Reiten. Er zeichnet  sich zudem durch eine hervorragende Beobachtungsgabe und Diagnosefähigkeit aus und bemüht sich als  geschulter Wissenschaftler, hinter die funktionalen Zusammenhänge der Phänomene zu kommen. Das  erste Kapitel der „Reitkunst”, in dem es um das sog. Exterieur des Reitpferdes geht, ist ein Musterbeispiel  dafür, wie der Autor die organische Ganzheit des Pferdekörpers sieht und jede Forderung an die  Beschaffenheit einer Einzelpartie aus ihrem funktionalen Zusammenhang ableitet. In diesem Bemühen um  die geistige Durchdringung seines Gegenstands und die daraus resultierende Form seiner Darstellung liegt  Xenophons besondere Leistung. Der Vergleich mit dem Exterieur-Kapitel seines Vorgängers Simon, das  als Fragment aus dessen „Reitkunst” in zwei Handschriften überliefert ist, zeigt dies überdeutlich. Noch  heute ist man gut beraten, wenn man beim Pferdekauf Xenophons Hinweisen aufmerksam folgt.  Aber es ist vor allem die ethische Grundhaltung, die uns Xenophons „Reitkunst” so wertvoll macht. Wie  ein roter Faden zieht sich der Gedanke durch sein Werk „Dein Pferd sei zuverlässiger Freund, nicht  Sklave”. Bereits in der ersten Aufzuchtphase des Fohlens soll psychologisch geschickt, alles darauf  angelegt werden, dass das junge Tier „‘fromm’, an die Hand gewöhnt und menschenfreundlich ist“ (Reitk.  3.2). „philanthropos“ soll das Pferd sein. Hier wird ausdrücklich von Liebe zum Menschen gesprochen.  Ziel aller Ausbildung ist, dass „das Pferd gehorchen will“ (3.6). Denn Zuverlässigkeit und Gehorsam des  Pferdes sind unerlässlich, daran lässt Xenophon keinen Zweifel: „Ein ungehorsames Pferd ist nicht nur  unbrauchbar, sondern richtet häufig sogar des Gleiche wie ein Verräter an.” Es geht ja bei ihm um  Dienstpferde bei der Kavallerie. Sie werden für den Kriegseinsatz in schwierigstem Gelände ausgebildet!  Aber immer, selbst bei der höchsten Dressur, geht es um angstfreien, freudigen Gehorsam, geht es darum,  dass das Pferd bei der Arbeit Freude empfindet und dies auch in seiner ganzen Körpersprache ausdrückt:  (10.3 und 10.5).  Dazu empfiehlt Xenophon, der Ausbildung so viel Aufmerksamkeit zu widmen, als ginge es um den  eigenen Sohn. Es komme darauf an, Körper und Seele des Pferdes gleichermaßen sorgfältig zu schulen.  Nur so werde es sich durch Leistungsvermögen und Zuverlässigkeit auszeichnen. Denn das Pferd „muss  eine hochgesinnte Seele und einen kräftigen Körper haben.“ (11.1) Sorgfältige Gymnastizierung und  intensives Training sollen dafür sorgen, dass der Körper leistungsfähig und gesund ist.